SPECTRAL REVOLUTION
15. Januar bis 27. Februar 2011
Mit Seife und Gabeln − Eine Ausstellung zum Glück
Kunstraum Kreuzlingen
3. bis 5. Dezember 2010
Les Urbaines
Lausanne
Auszug aus Interview
Erschienen in Mit Seifen und Gabeln − Ermittlungen zum Glück
Da: Soweit ich deine Projektskizze zu „Spectral Revolution“ richtig deute, geht es dir um Transzendenz, ein Aspekt der auch in unserer Arbeitsweise Beachtung findet: Grenzen ausloten, sich in der Welt Positionieren, einen Hort des Irrationalen aufspüren – und auch die große Hoffnung, einen Weg zu finden für das große Glück. Mit der Verbindung des Saeta-Gesangs in der Performance kommt eine recht emotionale und poetische Komponente hinzu, ebenso die Thematik der christlichen Passionsgeschichte, eben durch die Tradition des Saeta-Gesangs, die als Bittgesang die christliche Passionsprozessionen in Spanien und anderen Ländern intoniert. Die von dir gesetzten Sätze, die von der Flamenco-Sängerin gesungen werden, fasse ich als zehn Gebote auf und deine Performance steht als eine neue Form der Missionierung, du beleuchtest das kritisch und suchst vielleicht einen emotionalen Weg heute in diese religiös anmutende transzendente Richtung einzutauchen. Stimmt das?
BE: Ja, ich kreiere eine Situation in der man für kurze Zeit aufgehoben ist, in der ein eigener Kosmos entsteht. Mich interessieren aber auch die Formensprache und Performance von Religion. Es sind oft recht schöne Situationen, der Raum, der Gesang, der Weihrauch. Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach Werten und vor allem wie weit kann Kunst sich in diesen Wertediskurs einklinken und einen geistlicheren Raum öffnen kann, der über die Frage nach schön oder nicht schön hinausgeht. Starke gesellschaftliche Veränderungen lassen reaktionäre Strukturen aufleben und so gehen beispielsweise wieder mehr Leute in Freikirchen. Man sucht diesen Halt in traditionellen Werten. Was kann man dem entgegensetzen, was sind denn heute Werte, die das, was jetzt ist, als positiv ansehen?
TA: Und welche Struktur hat die Performance „Spectral Revolution“?
BE: Es ist auch eine mehrteilige Arbeit. Sie ist aus der Auseinandersetzung mit dem Religiösen entstanden und der Idee der Spektralität. Weißes Licht, das alle Farben in sich trägt. Diese Gleichzeitigkeit von allen Farben, die in keiner Farbe bzw. im weissen Licht mündet. Es ist eins, obwohl es verschieden ist. Eine spektrale Sicht ist demnach ein Grundgefühl, Phänomene gleichzeitig auf verschiedene Arten zu sehen. Der Saeta-Gesang zum Beispiel kommt aus dem Flamenco, welcher wiederum aus unterschiedlichen Kulturen abstammt, und er versinnbildlicht diese vielen Wurzeln in der singenden Person. Flamenco ist arabisch, spanisch, sogar jüdisch und auch bei Sinti und Roma taucht er auf. Die Pluralitäten werden geeint. Ein anderes Beispiel für dieses Phänomen ist der Wolf, der mich als Tier sehr interessiert. Er wird in unserer Gesellschaft als Gefahr wahrgenommen, weil er „die Wölfe“ in sich trägt. Das einzelne Tier löst nicht die Angst aus, es ist die Angst vor „den Wölfen“, die sich im einzelnen Tier widerspiegelt. Es wird eine Angst geschürt vor etwas Abstraktem, einem Konstrukt.
TA: Angst ist ein Begriff aus dem 4. Krampf „Die Jagd“ – schön, dass wir jetzt gerade bei dem Wolf gelandet sind und hier bei Carroll die Jagd das Thema ist: die Werkzeuge, die Ausrüstung, die Motivation, die Vorbereitung auf die Schlacht. Wie jagt man und welche Werkzeuge hat man dabei, wovor hat man Angst. Es gibt 8 Krämpfe bei Lewis Carroll...
DA: Strebst du mit deinen Arbeiten eine reinigende Wirkung an, eine Bekehrung?
BE: Ich involviere oft viele Personen in meiner Arbeit. Es ist mir wichtig, dass man auf eine gewisse Weise Teil der Arbeit wird. Aber ob das auch reinigend wirkt? Die Frage inwiefern Kunst Menschen verändern kann, bleibt wohl hypothetisch. Sicherlich kann Kunst dem Einzelnen etwas geben, inspirieren und Denkmuster hinterfragen. Bekehrung hängt für mich mit Glauben zusammen. Der Glaube kann unglaublich stark beeinflussen. Man reflektiert gar nicht mehr warum man beispielsweise gegenüber Homosexuellen negative oder „gemischte Gefühle“ hat. Es ist einfach so. Religiöser Glaube ist ein Determinismus, in dem es keine Alternativen gibt. Die Auseinandersetzung damit ist müßig. Es braucht viel Aufwand seine Denkstrukturen zu ändern. Auch die Angst und das Gefühl des aufgehoben Seins spielen natürlich eine wichtige Rolle. Während der derzeitigen Vorbereitungen zur Performance „Spectral Revolution“ bin ich zum Beispiel in engem Kontakt mit der Flamencosängerin – sie trägt das Projekt mit, sie glaubt daran.
TA: Sie hat von dir diese Sätze bekommen und versucht das jetzt mit dem Gesang abzustimmen.
BE: Ja. Es ist mir wichtig, dass sich die Auseinandersetzungen meiner Kunst auch ausserhalb der Kunstwelt ausbreiten. Dass ich Menschen involviere, die keine Museen oder Galerien besuchen. Mich interessieren gesellschaftliche Themen mehr als kunstintern formale Sachen. Sich selber als gesellschaftliches Wesen zu involvieren und auch zu analysieren, wie man als Mensch heute ist.
DA: Du verfolgst also einen theoretischen Ansatz?
BE: Ja, vielleicht. Ich interessiere mich z.B. sehr für die aktuelle politische Philosophie. Kunst muss Menschen erreichen. Sie ist ein wichtiges gesellschaftliches Instrument. Und nicht nur eine gute Geldanlage. Am Anfang habe ich mir auch überlegt, ob die Arbeit auch nur dokumentarisch dargestellt werden könnte. Also als dokumentatorische Fotografie einer vergangenen Situation. Doch es ist mir wichtig, dass die Bilder der Performances ästhetisch stark sind. Dass das Emotionale, wie du am Anfang erwähnt hast, nachhallt.
TA: Man begibt sich über die Ausstrahlung, die Wirkung in die Arbeit, in die Situation.
DA: Könnte man sagen, dass du eine Teilhabe schaffen willst, indem du dich erst selbst auf Gemeinschaften einlässt, um dann wiederum Arbeiten zu schaffen, die nach außen strahlen, die das Erlebte eigentlich wiederholen und die Atmosphäre einfangen, die einen so emotional berührt?
BE: Ich sehe es wie eine Insel, zeitlich oder räumlich. Eine Möglichkeit, in einem Raum für eine bestimmte Zeit eine Blase zu erschaffen, die dann wieder verschwindet. Vielleicht bleibt die Erinnerung.
Das Hierarchische ist das Gegenteil von dem was ich in meinen Arbeiten möchte. Alle Beteiligten sind für diese Blase zusammengekommen und sind zugleich Teil der Blase. Sobald du als Gemeinschaft aber ein Heilsversprechen oder eine Autorität verkörperst, hast du eine Macht und kannst einteilen in gut und böse. Ich finde es sehr schwierig sich solchen Ansichten zu entziehen und noch schwieriger diese zu verändern.
TA: Weshalb interessiert dich der Begriff Glück als Künstler?
BE: Von Anfang an war mir wichtig, positive Kritik in den Arbeiten zu üben. Mich interessiert das Affirmative, das Bejahende. Auch die Freude am Experimentieren und etwas dem Zufall überlassen können – was auch wiederum schwierig auszuhalten ist, wenn man nicht weiß ob es als Kunstwerk dann gelingt … Aber wie kann ich hier sitzen und sagen, jetzt bin ich glücklich? Das ist doch ein Widerspruch. Glück ist unsprachlich und emotional. Glück als gesellschaftlicher Begriff ist für mich sehr zwiespältig. Die Vorstellung vom Paradies würde nichts anderes Bedeuten als das totalitäre Glück – und ist sicher eine der größten Krankheiten der Menschen.
TA: Sobald man darüber nachdenkt und reflektiert, ist es eine andere Ebene. Aber glücklich sein ist ein Zustand, der im Rückblick erkannt wird.
DA: Oder vielleicht ist es auch eine Haltung.
