Text von Alexandra Blättler
Zur Ausstellung SHABBAT in der Binz39
Die Ausstellung SHABBAT des jungen Schweizer Künstlers Benjamin Egger (*1981) befasst sich mit den Bedingungen des Menschseins in der heutigen Gesellschaft. Der Titel SHABBAT bezeichnet den siebten Tag der jüdischen Woche und steht für den Ruhetag. Es soll keine Arbeit verrichtet werden und es obliegt dem jüdischen Glaubensangehörigen zudem, über die Schöpfung zu reflektieren. Die Beschäftigung mit dem familiär bedingten Judentum, sowie die Tatsache, dass der Schöpfungsgedanke nicht mit etwas Göttlichem zu tun hat, sondern eine Projektion des Menschen auf seine Umwelt ist, sind für Egger grundlegende Elemente für die vorliegende Ausstellung. Dabei stehen Sprache, Schrift und Zeichen (signifié und signifiant à la de Saussure) – die Grundpfeiler des Judentums als Schriftreligion – im Zentrum, denn sie erst ermöglichen dem Menschen eine Kommunikation und lassen ihn die Umwelt definieren und hierarchisieren. Umso absurder, dass gerade diese geometrisch abstrakten Zeichen unsere Wahrnehmung überhaupt erst ermöglichen. Der durch den Titel eingeführte Gedanke zur Schöpfung sowie die Beziehung von Mensch-Tier, die Sprache und das abstrakte Zeichen ziehen sich als roter Faden durch die Ausstellung und werden in der Einladungskarte bereits kombiniert eingeführt.
Die Auseinandersetzung mit dem traditionellen Menschenbild führt den Künstler an die Fronten zwischen Mensch und Tier sowie zwischen Mensch und Glauben: Was bedeutet es für das Selbstverständnis, wenn wir immer mehr auf unsere DNA und Synapsen reduziert werden können? Was ist das Tier, wenn es menschliche Sprache verwendet? Und was ist mit Gott, wenn der Papst auf einem Bravo-Plakat abgedruckt wird? Solche Fragen beschäftigten Benjamin Egger während seiner zwei Jahre Atelierstipendium der BINZ39.
Für die Abschlussausstellung präsentiert Benjamin Egger erstmalig im Alleingang eine Anzahl neuester Arbeiten. Die letzten beiden Jahre hat er mit Sabine Schlatter unter dem Name eggerschlatter nach dem Studienabschluss vor allem performativ-installativ gearbeitet. Die hier präsentierten Arbeiten können für sich stehen, funktionieren aber vor allem als Konglomerat und referieren auf einen Kontext, in welchem Egger in nächster Zukunft vertieft arbeiten wird: für die Auseinandersetzung mit der Lernfähigkeit von Schimpansen arbeitet er mit dem anthropologischen Institut der Universität Zürich zusammen. Künstlerisches und wissenschaftliches Interesse werden sich vermischen und befruchten. In der Beschäftigung mit Sprache und Tier, und der Beziehung von Mensch und Tier beruft sich Benjamin Egger insbesondere auf die Forschung von Desmond Morris (Zoologe, Verhaltensforscher und Künstler), der 1967 den Bestseller The Naked Ape: A Zoologist’s Study of the Human Animal herausgab. Eine weitere wichtige Forscherin und Autorin stellt Rhoda Kellogg dar, die sich vor allem in den 60er-Jahren mit den verschiedenen Stadien von Kinderzeichnungen beschäftigte und eine Systematik daraus entwickelte.
Interessant ist es an dieser Stelle zu erwähnen, dass die Zeichnungen von Schimpansen aktuell auf dem Entwicklungsstand von Kindern im vor-gegenständlichen Stadium stehen geblieben sind. Benjamin Egger wird versuchen, mit einem Schimpansen das Zeichnen und Malen über den aktuellen Stand der Affen-Zeichnungen hinaus weiter in die Gegenständlichkeit zu entwickeln – eine Schimpansenpuppe begrüsst die Besucher am Eingang zur Ausstellung.
Die Arbeit Heraia referiert explizit auf diese verschiedenen Entwicklungsstadien von Kinderzeichnungen. Vier verschiedene Zeichen in Neonfarben hat Egger über vier unterschiedlichen Sport-Spielfeldern gelegt. Auch hier referiert der Titel der Arbeit auf die historische Figur Hera als Göttin und Beschützerin der Liebe und Heirat und die davon abgeleiteten Heraia als Pendant zur männlich dominierten Olympiade. Legenden berichten, dass Hippodamia die erste Frau war, die ihre Dankbarkeit für eine glückliche Heirat mit dem Festspiel der Heraia gefeiert hätte.
Auch die Videoprojektion Simchat Torah nimmt mit der in weissen Fliessen gekachelten Kreuzform eines dieser „primären“ Zeichen auf. Die über das grosse „X“ laufende Projektion zeigt eine Aufnahme des jüdischen Festes Simchat Torah. Dieser Tanz feiert das Ende und den Neubeginn der öffentlichen Torah-Lesung und ist eine Hymne auf den Erhalt der heiligen Schrift. Ende und Anfang werden zu einem unendlichen Zykus zusammengeführt. Frappant wird der Jubel vor allem durch die ungewöhnliche Inszenierung der Haupttänzer und somit Helden mit monströsen Maske – prädestiniert um von Benjamin Egger in einer künstlerischen Arbeit eingefangen zu werden.
Im zweiten Raum der Ausstellung erinnert ein an der Decke befestigter Autoreifen wiederum an die Gestaltung eines Affenkäfigs wie wir sie aus dem Zoo kennen und wiederholt die Eingangssituation der Ausstellung mit der Affenpuppe. Die Arbeit I Love You führt uns die fast schon an Absurdität grenzende menschliche Liebe zum Tier vor Augen – der Künstler hat verschiedenes Found Footage Material von youtube Beiträgen runtergeladen und zu einem Loop montiert. Die Einladungskarte mit dem rauchenden Schimpansen erscheint vor unserem inneren Auge. Wie zerstörerisch dringt dieses „I love you“ von Besitzer und klagendem Tier zu uns durch. Die eben genannte, aber auch weitere Arbeiten suggerieren das Monströse, Abartige. So etwa x + the remix, worin sich der Künstler Lady Gaga verwandt in das fleischliche Kostüm eines Tierkadavers hüllt. In diesem Zusammenhang lassen sich neben Lady Gaga und ihrem Kultstatus in der Populärkultur noch weitere Protagonisten nennen wie Kanye West, Michael Jackson und Britney Spears die in ihren neuesten Songs das Monster und Monströse geradezu plädieren.
Mit Humor und Interesse für popkulturelle Phänomene – man erinnere sich an Papst Benedikt in der Pop-Zeitschrift BRAVO im Übergang von Raum 1 in den Raum 2 – führen uns die komplexen, aber stets pointierten Arbeiten durch einen Reflexionsraum in dem neben Originalen Gesampeltes und vorgefundenes Material stehen und sich zu einer Untersuchung zusammenfügen, die uns mit den Ufern der Insel Mensch konfrontiert.